Die Wertigkeit der Dinge:

Von Bitcoins und Muskatnüssen

Muskatnüsse

Ein jedes Ding ist gerade so viel wert, wie jemand bereit ist dafür zu zahlen. So weit, so gut. Ende 2017 gab es genügend Leute auf der weiten Welt, die wahrlich willens waren, für einen Bitcoin wohlfeile 19.666 US-Dollar hinzublättern...

Rund zwei Monate später, beurteilten potentielle Investoren die Sache bereits völlig anders. Mehr als 5.000 Dollar war ihnen der aufgeblähte Krypto-Ballon dann doch nicht wert. Ein Kursverlust von bald 75 Prozent.

 

Wer in der Zwischenzeit auf den rasenden Zug aufgesprungen war, um sich am Höhenflug der vermeintlichen Wunderwährung gesund zu stoßen, schaute jetzt bedröppelt seinem Geld hinterher. So schnell wie es in den virtuellen Weiten des World Wide Web versickert war, kann eine alte Frau nicht stricken. Keine Frage.

 

Je höher die Gipfel des erhofften Gewinns in den Himmel ragen, desto dünner wird die Luft dort oben. Da kann es einem Möchtegern-Spekulanten schön schwindlig werden. Bleiben wir also lieber auf trautem Thüringer Boden und werfen einen besinnlichen Blick zurück in die Geschichte, voll von Anekdoten über das dramatische Auf und Ab, was eine bestimmte Ware wann, wo und wieso wert war. Zum Beispiel die Muskatnuss, der Bitcoin des 16. und 17. Jh. Riesige Gewinne bei wenig realem Gegenwert.

 

Opa war ein sparsamer Mann. Mit dem gewieften Geschäftssinn seiner holländischen Ahnherrn gesegnet, hielt er es mit einfachen Weisheiten der Kategorie "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert." Am allerliebsten aß er Täubchensuppe. Zum Würzen reichten ihm für gewöhnlich Salz und Pfeffer. Nur bei seinen Stampfkartoffeln nicht. Da musste Muskatnuss her. Die diente selbstredend nicht nur dem guten Geschmack allein, sondern ebenso der ökonomischen Unterweisung aller Nichten und Neffen über den schwankenden Wert der Dinge.

 

"Vor vierhundert Jahren wurde Muskat mit Gold aufgewogen," begann er stets. "Heute würde dieses fünf Gramm schwere kulinarische Kleinod also gut und gerne 200 Euro kosten. Stattdessen habe ich bei unserem türkischen Gemüsehändler lediglich vier Euro für acht Muskatnüsse berappt. Das macht pro Stück? Genau, 50 Cent, sprich wie viel Prozent des ehemaligen Wertes? Genau, 0,25 Prozent. Ein Kursverlust von 99,75 Prozent."

 

"Der alte astronomische Preis war mit Nichts vernünftig zu begründen. Sicherlich, Muskat wuchs seinerzeit nur auf einer kleinen indonesischen Insel namens Palau Run und ein paar anderen winzigen Eilanden, manche gerade so groß wie ein paar Fußballfelder. Zudem war der Transport per Segelschiff rund um die halbe Welt nicht ohne Risiko. Wirklich gebraucht hat die die Spezerei jedoch niemand. Das Argument, Muskat hätte damals dazu gedient, gammeliges Fleisch genießbar zu machen ist Humbug. Wer grammweise "Gold" über seine Speisen streute, der konnte sich auch frisches Fleisch leisten. Knapp zweihundert Jahre lang hat sich die Vereenigde Oostindische Compagniean Dank dieser menschlichen Schwäche eine goldene Nase verdient."

 

Das mit der goldenen Nase war reine Untertreibung. Während des nicht umsonst so genannten "Goldenen Zeitalters" beherrschten die Niederlande de facto den Welthandel und Amsterdam stieg zur reichsten Stadt Europas auf.

 

Zur Sicherung des Monopols auf Muskatnüsse führten die Niederlande einen jahrzehntelangen Krieg gegen Großbritannien. Erst als beide Seiten von den dauernden Kämpfen erschöpft waren, einigten sie sich 1667 im Vertrag von Breda darauf, dass die Niederlande Pulau Run behalten durften. Im Gegenzug erhielten die Briten eine kleine holländische Siedlung am Rande der Neuen Welt namens Neu Amsterdam.

 

Wahrscheinlich wusste London zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sich Muskatnüsse ganz vorzüglich in ihren anderen Kolonien anbauen ließen und das niederländische Monopol nicht das Papier wert war, auf dem es geschrieben stand. Jedenfalls ging es mit dem Preis für Muskatnüsse in den kommenden Jahrzehnten steil und stetig bergab. Dafür mauserte sich die kleine nordamerikanische Siedlung unter ihrem neuen Namen New York zum bedeutendsten Finanzplatz der Welt. Wie hätte Großvater gesagt: „Eindeutig auf den falschen Gaul gesetzt.“ Oder: soviel zum Wert der Dinge. Heute so – Morgen so.