Schein und Sein

Wie Papiergeld unsere Wirtschaft revolutionierte.

Es gibt Dinge, die können gar nicht oft genug gesagt werden. Dazu gehört die Tatsache, dass Vertrauen nicht nur die Grundlage jeder funktionierenden zwischenmenschlichen Beziehung ist, sondern ebenso das Fundament jeder florierenden Wirtschaft. Ohne Vertrauen in uns selbst und unsere Mitmenschen würden wir weiterhin in ungeheizten Höhlen frieren, statt im Billigflieger dem Winter zu entkommen. All das ist nur möglich, weil irgendwann ein paar clevere Chinesen die Idee hatten, aus Papier Geld zu machen.

So mancher Vertrag ist nicht das Papier wert, auf dem er geschrieben steht.

Wohl wahr. Bei Geldscheinen verhält sich die Sache gemeinhin anders. Sollten sie nicht gerade Opfer einer Hyperinflation oder sonst wie komplett wertlos geworden sein, übersteigt Ihre Kaufkraft die Kosten für das Papier auf dem sie gedruckt sind für gewöhnlich um das x-fache.

Der wertvollste zur Zeit frei verfügbare Schein ist die 10.000-Singapur-Dollar-Note. Umgerechnet rund 6.450 Euro. Dafür gibt es reichlich Farbe und Papier zu kaufen.

Noch erheblich mehr von beidem bekäme man für die im schlichtem Rot auf Weiß gehaltene 100-Millionen-Pfund-Note der Bank of England (Sie haben richtig gelesen: „Einhundert Millionen Pfund.“) Zum Leidwesen diverser Superreicher auf diesem Planeten die noch ein Schmankerl für ihr Portemonnaie suchen, sind die betriebsintern „titan“ genannten Bargeldbatzen nur für den Hausgebrauch einer der ältesten Zentralbanken der Welt (gegründet 1694) bestimmt und lagern wohlbehütet in deren allertiefsten Kellern. So ein Ärger aber auch...

Völlig zu Recht fragt sich unsereins natürlich nun, welchen Sinn es eigentlich macht, ein schlichtes Stück Papier über alle Maßen aufzuwerten. Die Antwort ist die Gleiche wie so oft: Die schlichte Not(wendigkeit). Ohne die Erfindung des Papiergeldes wäre unsere moderne Wirtschaft und der mit ihr verbundene Wohlstand nie möglich geworden.

Soviel kann kein Goldesel Schleppen

Der Mann hat wirklich einen tiefen Eindruck hinterlassen. Mehr als 2.500 Jahre nach seinem Tod ist der Name Krösus der Inbegriff für großen Reichtum. Dabei hat der letzte König von Lydien - eine Region in der heutigen Südtürkei - die großen natürlichen Edelmetallvorkommen seines Landes nicht allein für güldene Becher und Teller auf den Kopf gehauen, sondern in Münzform unters Volk gebracht (gegen entsprechende Gegenleistung, wie sich von selbst versteht).

Die Sache hatte nur einen Haken. Da jede „Münze“ den Wert des für ihre Herstellung verwendeten Edelmetalls im Prinzip 1:1 widerspiegelte, brauchte es für die alltäglichen Einkäufe - ein Laib Brot, ein Stück Käse, eine Handvoll Oliven oder ein Becher Wein - entsprechend kleine Stückelungen. Klein im Sinne von winzig.

Die kleinsten damals im Umlauf befindlichen Münzen waren kaum „größer“ als ein Stecknadelkopf und wogen gerade mal Bruchteile eines Gramms. Da konnte schon das kleinste Loch im Geldbeutel riesige Löcher in die Haushaltskasse reißen...

Auf der anderen Seite der Skala sah es nicht besser aus. Begab sich ein unternehmungslustiger phönizischer Kaufmann aus dem heutigen Libanon auf große Fahrt zur Nord- und Ostsee oder gar gleich ins ferne China (die Handelsbeziehungen selbst der frühen Antike reichten viel weiter als wir gemeinhin glauben), musste er einen schwer zu versteckenden Bargeldvorrat mitschleppen, der ihn zu einer willkommenen Beute für Straßenräuber und Wegelagerer machte. Von dem schieren Volumen, das die Kriegskasse eines Alexander des Großen mit seinen knapp 50.000 Soldaten einnahm, reden wir erst gar nicht. Wenigsten brauchte sich sein Zahlmeister nicht um die Sicherheit seines Barschatzes zu sorgen...

Aus der Not geboren

Während der frühen Song-Dynastie (960-1126) standen einige Staatsbeamte wiederum vor der Frage, wie sich ein Heer OHNE die entsprechenden Barmittel bei Laune halten ließ. In ihrer Not kamen sie auf die brillante Idee, den ausstehenden Sold in Form von „schriftlichen Versprechen“ des Kaisers auszugeben. Das Papiergeld war geboren.

Praktisch, rechteckig, leicht... solange die Krieger und die sie versorgenden Zivilisten das notwendige Vertrauen in das kaiserliche Wort hatten, war alles bestens geregelt. So ein Stück Papier konnte mit jedem beliebigen Nennwert versehen, kostengünstig hergestellt und problemlos transportiert werden. Damit verfügte es über alle Eigenschaften, die ein modernes Zahlungsmittel mit all seinen Möglichkeiten für eine große Volkswirtschaft ausmachen...

Eine ganze Weile lief dieses „erste Experiment“ in Sachen Papiergeld rund (noch Marco Polo kam während seiner China-Reisen noch damit in Berührung). Doch dann kam, was immer kommt, wenn staatliche Organe keiner richtigen Kontrolle unterworfen sind: Der Kaiser versprach mehr als er halten konnte und überschwemmte den Markt mit wertlosen Scheinen. Damit war das Vertrauen fürs Erste dahin und die Wirtschaft wieder auf den umständlichen Zahlungsverkehr mit Münzen angewiesen. So ein Ärger aber auch...

Knapp 400 Jahre später belebten die Spanier die Idee mit dem Papiergeld aufs Neue. Dabei gelang es ihnen zunächst nur bedingt, die Kinderkrankheiten der bahnbrechenden Neuerung in den Griff zu bekommen. Dies blieb anderen vorbehalten, wie beispielsweise den Briten und den USA mit ihren unabhängigen Notenbanken - doch das ist eine andere Geschichte!