Schreck in der Morgenstunde -

Oder: Warum gemeinhin nichts so brühheiß ist, wie es uns gerne serviert wird.

Ein Redaktionsmitglied hatte den Auftrag, sich einmal Gedanken über die sinkende Zahl der unabhängigen Volksbanken zu machen. Dabei fiel ihm ein am 11.08.17 in der WeltN24 GmbH erschienener Artikel besonders auf:„Die Volksbanken schaffen sich ab".

Hier sein Bericht:

Das war starker Tobak.
Irgendetwas musste an der Sache dran sein. Immerhin stand es in der Online-Ausgabe der WeltN24 GmbH. Am Vortag hatten wir uns noch über die hervorragenden Zahlen des vergangenen Geschäftsjahres unterhalten.

„Die Volksbanken schaffen sich ab". 1,99 € kostet der Zugang zum "Plusbereich" der WeltN24 GmbH, wo sich die Erkenntnisse über das unausweichliche Schicksal der Volksbanken verbargen.

Ich begann zu lesen. Gleich kam Guido Till, Bürgermeister von Göppingen in Baden-Württemberg, zu Wort:

„Als ich bei einer kleinen VR-Bank in einem unserer Stadtteile ein Grußwort hielt, war ich gerührt. Ich wusste zwar, dass mir kaum jemand zuhört, doch die Verbundenheit und Nähe zwischen der Bank und den Bürgern war sehr schön.“

Hätte schlimmer kommen können, dachte ich mir. Doch bereits im nächsten Absatz stand, dass die Göppinger Volksbank von ihrer Schwester im 40 km entfernten Stuttgart geschluckt wird, ausgerechnet von den Kollegen aus der Kapitale aller Häuslebauer!

Natürlich ist dem Bürgermeister klar: Beide Banken hoffen so, besser für die Zukunft gerüstet zu sein. Trotzdem fühlt er sich "irritiert". Immerhin sei das Göppinger Haus mit einer Bilanzsumme von zwei Mrd. Euro, 31 Geschäftsstellen und 300 Angestellten beileibe kein Leichtgewicht. Stimmt. Doch wie heißt es so schön im Schwäbischen: "A Fuchs frissd au gscheide Henna." Und fette noch viel lieber.

Wenn so die ökonomische Apokalypse aussah, welche bundesweit hereinzubrechen droht, würde ich doch noch ruhig schlafen können.

Das laut WeltN24 GmbH auffälligste Indiz für den wohl unaufhaltsamen Niedergang der Volksbanken sei der massive Rückgang ihrer unabhängigen Institute. Gab es Anfang 1970 noch über 7.000, seien es heute gerade mal 950. Über kurz oder lang werden es noch 700 sein. Mit anderen Worten: Satte 90% Minus in etwas mehr als 40 Jahren!

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Wichtiger wäre aber folgende Ergänzung: „Nutze nur die Statistik, die du selbst ausgelegt hast."

Aufschlussreicher ist die zweite Statistik, welche die WeltN24 ins Feld führt. Hier geht es um die Zahl der Geschäftsstellen. Gab es Anfang der 70er noch an die 20.000 Filialen, sind es heute keine 12.000 mehr. Ein Rückgang um etwa 40%.

Schön ist das immer noch nicht. Doch betrachten wir das ganze mal im Lichte unserer gestiegenen Mobilität. Früher gab es auch Tante-Emma-Läden. Deren Verschwinden wird bejammert, die dort höheren Preise bei geringerer Auswahl will dann trotzdem keiner bezahlen.

Interessanter ist, welche Statistiken im Artikel gar nicht erst vorkommen. Beispielsweise die Bilanzsumme aller Volksbanken: Knapp 40 Mrd. Euro 1970, mehr als 850 Mrd. Euro 2016. In dergleichen Zeit sind die Kundeneinlagen von nicht ganz 34 Mrd. auf etwas mehr als 637 Mrd. Euro gestiegen. Kein Wunder, dass sich die Mitglieder von 6,1 auf 18,4 Mio. verdreifacht haben. Solche Zahlen passen schlecht zur Schwarzmalerei.

„Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten." Das journalistische Credo hat weiterhin Konjunktur. Dabei erwähnt die WeltN24 GmbH durchaus die Seiten, welche die Mitglieder und Kunden der genossenschaftlichen Banken an diesen besonders schätzen: Kundennähe, Verständnis, Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein oder Bodenständigkeit.

Wer diese Qualitäten erhalten will, sollte sich weniger Gedanken um die Zahl unabhängiger Institute oder die Dichte von Filialnetzen machen, sondern vielmehr darum, wie es den Volksbanken weiterhin möglich sein wird, so zu wirtschaften, um ihren Verpflichtungen dem Gemeinwohl gegenüber nachkommen zu können.

Einige halten Fusionen für den besten Weg. Wir, Ihre VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden wiederum legt besonderen Wert auf die Entwicklung neuer Geschäftsfelder wie hochwertige Immobilien, Erneuerbare Energien oder nachhaltige Personalvermittlung.

„Die Volksbanken schaffen sich ab". Das nun wirklich nicht. Gehört die WeltN24 GmbH nicht zum gleichen Verlag wie die BILD? Kann es sein, dass die schaurige Schlagzeile an die falsche Redaktion geliefert wurde?


P.S.: Kurze Zeit später entdecke ich in der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Bild einer Raiffeisenbank. Darunter prangte die Schlagzeile „Der schwierige Abschied von der Hausbank“. Diesmal habe ich die 1,99 € in des Sparschwein unserer Tochter gesteckt.