Wer hat Angst vorm Drachen?

Teil II

Gelber Drache - neue Wege

(Fortsetzung des Themas  Mitgliedermagazin, Sommer 2019)
"Erfolg ist so ziemlich das Letzte, was einem vergeben wird." Donald Trump würde den Ausspruch des amerikanischen Schriftstellers Truman Capote sicherlich auf sich beziehen. In Peking wiederum herrscht die Meinung vor, Washington gönne China nicht fulminanten wirtschaftlichen Aufstieg der vergangenen Jahrzehnte nicht und torpediere daher alle seine Zukunftsprojekte, insbesondere die "Neue Seidenstraße". Deutschland sitzt dabei – wie so oft in letzter Zeit – zwischen allen Stühlen.

Wissen Sie, wie viele Fänge unser bundesdeutscher Adler hat? Es sind vier. Genau wie in der Natur. Bei chinesischen Drachen ist das etwas anders. Während der gemeine Feld-Wald-und-Wiesen-Drache ebenfalls mit mageren vier Klauen auskommen muss, gibt es einige wenige privilegierte Exemplare, die gleich mit fünf griffigen Greifern daherkommen. Früher waren sie dem Kaiser als Symbol seiner imperialen Machtfülle vorbehalten. Heute entdeckt sie – Rückbesinnung auf die gute, alte Zeit – ganz China wieder neu für sich.

Mitte der Welt

Das Reich der Mitte hat sich auf den nächsten großen Marsch gemacht. Zurück auf die Mitte der großen Weltbühne. Peter Frankopan – britischer Historiker mit kroatischen Wurzeln – beschreibt in seinem Weltbestseller "Licht aus dem Osten" das geschichtliche Fundament dieses globalen Anspruchs. Als Mittel zu dessen Umsetzung identifiziert er die eingangs erwähnte "Neue Seidenstraße".
Geleitet von der ebenso einfachen wie erhellenden Erkenntnis, dass man kostenintensive Produkte wie funktionierende 5G-Netze oder Hochgeschwindigkeitszüge mit über 300km/h in der Spitze nur an zahlungskräftige Kunden gewinnbringend verkaufen kann, hat sich die Pekinger Führung irgendwann einmal über eine Weltkarte gelehnt und darüber nachgedacht, wo auf diesem Planeten denn weltweit unerschlossene Märkte mit genügend Potential für eine nachhaltige Entwicklung zu finden sind.

Wiege der Zukunft

Schnell stellten sie dabei fest, dass weite Teile Europas und Nordamerikas weitgehend gesättigt sind und obendrein selbst nach Kunden für ihren eigenen Kram suchen. Ausgesprochen vielversprechend erschienen Ihnen hingegen zwei andere, aus hiesiger (Frosch-)Perspektive recht gerne übersehene, geographische Großräume: Erstens die Landmasse zwischen der EU und China, insbesondere so ausgesprochen rohstoffreiche Regionen wie die zentralasiatischen Republiken, Russland, der Kaukasus sowie der Nahe und Mittlere Osten. Zweitens die ökonomisch aufstrebenden Staaten im Süden Asiens, insbesondere der indische Subkontinent und die arabische Halbinsel.

Was, so werden sie sich wohl gefragt haben, würde passieren, wenn wir mal richtig "Geld in die Hand nehmen" und die legendäre Seidenstraße wiederbeleben würden? Sicher, das ganze Projekt stößt nicht nur in finanzieller und technischer Hinsicht in bislang unbekannte Dimensionen vor, dennoch gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Seitdem Staatspräsident Xi Jinping 2013 den Startschuss für das seinerzeit noch unter dem etwas sperrigem Titel "One Belt, One Road" firmierende Vorhaben gegeben hat, sind enorme Summen in ganz unterschiedliche Infrastrukturmaßnahmen in Asien, Afrika und Europa geflossen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. So benötigt ein Güterzug von Chongqing in Zentralchina bis nach Duisburg im Ruhrgebiet heute nur noch 14 Tage.

In den letzten Wochen und Monaten ist es Peking – trotz massiver internationalen Kritik an seinen Plänen – gelungen, Italien und die Schweiz für die "Neue Seidenstraße" zu gewinnen. Offensichtlich erkennen selbst die nüchternen Eidgenossen in der ganzen Sache mehr Vor- als Nachteile. Das sollte einem schon zu denken geben.

Wege der Macht

Schon den alten Römern war bewusst, dass die Macht ihres Imperium Romanum auf einem gut ausgebauten und stetig gepflegten Straßennetz beruhte. Keine Frage, eine funktionierende Infrastruktur ist ebenso Mittel zur Machtausübung wie zur Wirtschaftsförderung. Insofern wird sich Peking den Vorwurf des Neokolonialismus noch häufiger anhören müssen.

Es gibt reichlich Geschichten von abgelegenen Dörfern, deren Bewohner regelmäßig die – mit Müh und Not und unter hohen Kosten errichteten – Wege zu ihren Wohnstätten wieder zerstörten. Begründung: Über Straßen kommen nur Soldaten und Steuereintreiber, beides brauchen wir nicht. Ob ein solches Verhaltensmuster allerdings die angemessene Art für einen exportorientierten (und exportabhängigen) Staat wie Deutschland ist, mag bezweifelt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt an der "Neuen Seidenstraße" betrifft die Menschenrechtssituation in China. Vielleicht lohnt es sich in diesem Zusammenhang an die von Bundeskanzler Willy Brandts Berater Egon Bahr entwickelte neue Ostpolitik zu erinnern. Die stand seinerzeit unter dem Motto "Wandel durch Annäherung". Schon die Seidenstraße der Antike diente nicht nur dem Austausch von Waren. Menschen und Ideen waren grad ebenso unterwegs. Von Ost nach West und von West nach Ost.

Denken wir also einfach mal anders herum: Die chinesische Staatsführung muss die Weltwirtschaft weiter anzukurbeln. Schon aus reinem Eigeninteresse (immer noch der beste Antrieb von allen). Dies kann sie ausschließlich durch die Entwicklung neuer, finanzstarker Märkte im globalen Maßstab leisten. Deutschland wiederum benötigt genau dieselben Märkte, um unseren Wohlstand hierzulande langfristig zu sichern.

Genau den Wohlstand, der – das wusste schon Ludwig Erhard – das feste Fundament unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung bildet. Wäre es insofern nicht einfach nur dumm, unsererseits ein Angebot wie die "Neue Seidenstraße" nicht zu nutzen? Merke: Wer nicht mitspielt, der hat von vornherein verloren.